Kaschke & Hoferichter – Die neue Frankfurter Schule

Syke. Zwei Lehrer berichteten von der Schule und 50 Menschen hörten gespannt zu. Das ist an sich nichts besonderes. Doch die Lehrer, genauer gesagt, ein Ex-Lehrer und ein aktueller Lehrer, waren Ulrich Hofrichter und Lars Kaschke. Die beiden erzählten wieder einmal über Interessantes und Abgründiges aus der Literatur. Und diesmal, endlich mag man sagen, ging es um die Schule, genauer gesagt um die Neue Frankfurter Schule. Die entstand in den 1980er Jahren und umfasste satirische Texte, die bewusst Sinn entleert und trotzdem gesellschaftskritisch waren.

Als Hochkomik werden diese Texte aufgrund ihres Bezug zur philosophischen Frankfurter Schüler bezeichnen. Der Abend in der Syker Bibliothek dauerte genau zwei Schulstunden unterbrochen von einer großen Pause – Lehrer können eben nicht aus ihrer Haut.

Apropos: Hoferichter war einst nicht nur Deutsch- sondern auch Mathelehrer und wusste daher genau, dass sein Manuskript 55 Seiten, „aber in Schriftgröße 16!“ umfasste. Die Zuhörer bekamen die Texte, Gedichte und Schüttelreime in kurzer Abfolge präsentiert. So manche Wortakrobatik hätte etwas mehr Zeit zum Einwirken verdient gehabt. Doch die meisten Texte waren kurz und kamen den Gästen beim Wiederhören bekannt vor. „Die größten Kritiker der Elche/ waren früher selber welche.“ Genaues Hinhören lohnte sich bei einer Neufassung der Geschichte von Dorn-röschen, in der plötzlich der Froschkönig auftauchte, was zu Verwirrung führte: Denn „Dorn-röschen/ rief nach Prinzen und nicht nach Fröschen.“ Die Moral von der Geschicht: „Ein Frosch in der Hand und endlich wach/ist besser als der Prinz auf dem Dach.“ Ehrlich gesagt hätten die Gebrüder Grimm da auch selbst drauf kommen können.

Drei Generationen umfasst die Neue Frankfurter Schule inzwischen. Horst Evers, gebürtig aus Diepholz übrigens, hat ein Telefondialog verfasst, in den Google sich über einen zu langweiligen Nutzer beschwert. Der Text ist ein paar Jahre alt, vor dem Hintergrund der sich verselbstständigen KI aber nicht mehr lange eine Fiktion. Bei der Ansage stellte Hoferichter noch mal die (Alters-)Verhältnisse klar: Das sei ein schwieriger Text, gab er Kaschke mit, dessen Lehrer er in den achtziger Jahren noch war: „Nicht, dass Sie sich dabei verhaspeln.“ Dessen Return war kurz und knapp: „danke.“

Gegenseitiges Necken gehört bei Kaschke und Hoferichter dazu, seit sie vor mehr als einem Dutzend Jahren ihre Lesetouren starteten. Noch immer tragen Sie die Texte mit einer gewissen Zurückhaltung vor. Doch Wortwitziges und Ironisches wie von F.W. Bernstein und Robert Gernhardt und den anderen Autoren der Neuen Frankfurter Schule macht Ihnen sichtbar Spaß. Viele von Ihnen arbeiteten für die Satire Magazin, pardon und Titanic. Dabei kombinierten die Autoren nicht nur mit Worten, sondern nutzen die Spitze Feder auch noch für Bilder und Karikaturen. Mehr als 7000. Dieser Werke wurden dem Museum für komische Kunst in Frankfurt übergeben. Auch Skulpturen sind in der Frankfurter City ausgestellt. Begünstigt und unterstützt wurden die Autoren durch die lockerer werdenden Sitten in einer sich wandelnden Gesellschaft, die offen für Sozialkritik wurde. Die in der Bibliothek vorgetragenen Texte treten sich folgerichtig um nahezu aller Aspekte, darunter auch Religion und Sexualität. „ Die neue Frankfurter Schule hat die Grenzen des Sarg – und Schreibwaren verschoben. Die Provokation war beabsichtigt“, erklärte Hoferichter. So strotzte der der Text nur so von Ironie, wenn das dichten, der lyrische ich solche Schwierigkeiten hatte, dass ihm nicht mal Einfallslosigkeit einfiel. sowie um Restaurant Gäste, die dafür bezahlen, dass sie im Restaurant selbst kochen. IKEA habe den Bann gebrochen, so Hofrichter.

Dem Geschichtslehrer Kaschke blieb es vorbehalten, über Franz-Josef Strauß, „einen kleinen bayerischen König mit guten Kontakten zu verschiedenen Diktatoren der Welt“ zu berichten – auch hier zeigte sich, dass Jahrzehnte alte Texte der neuen Frankfurter Schule nichts an Aktualität eingebüßt haben. Eher noch im Gegenteil. Denn vieles, was damals in seiner Absurdität überspitzt erschien, ist in den zwanziger Jahren von der Realität mindestens eingeholt, wenn nicht gar überholt worden.

Mit dem Eindruck, humorvoll zur Nachdenklichkeit gebracht worden zu sein, endete auch diese Lesung Kaschke und Hoferichters. Weiteres von beiden ist zu erwarten.


Der Artikel von Karsten Bödeker erschien im Syker Kurier.