
Der Roman „Parasti“ handelt von drei Frauen zwischen den 1960er Jahren in Novosibirsk und dem Jahr 2021 in Fürstenfeldbruck, wo Großmutter Lydia, deren Enkelin Rina und Tante Valli inzwischen leben. Eines Tages landet eine winzige Miniatur aus Plastik im Briefkasten, geschickt von radikalen Abtreibungsgegnern. Seit diesem Tag rührt sich Lydia nicht mehr und schweigt. Rina konfrontiert daraufhin ihre Tante mit Fragen über die Vergangenheit.
Damit bricht Valli einen Grundsatz, der in der Familie verinnerlicht ist: Man kümmert sich um seine Privatangelegenheiten, nimmt die Dinge selbst in die Hand ohne irgendwelche Behörden auf sich aufmerksam zu machen und wartet ab. Nach und nach enthüllt die Erzählerin in Rückblenden, was den beiden Frauen passiert ist und worüber sie nicht reden wollen. Lydia ist als Russlanddeutsche im 2. Weltkrieg mehrfach deportiert worden und überlebt in den 1960er Jahren in Novosibirsk mit ihrem trinkenden Ehemann und der kleinen Tochter in einer Holzbaracke, im Winter bei eisiger Kälte, ohne Strom und fließendes Wasser. Valli wird von Lydia mit aufgezogen und einfach bei Lydias Ehemann gelassen, als Lydia beschließt, zu Verwandten nach Estland zu gehen.
Mit „Parasiti“ wurden in der Sowjetunion die Menschen beschimpft, die als Nichtsnutz galten, Faulenzerei wurde unter Strafe gestellt. Bloß nichts sagen, keine Widerworte geben, damit man z.B. seine Arbeit behielt. Neben Zwangsarbeit, Deportation und dem harten Leben geht es in dem Roman auch um sexuelle Unterdrückung: Es gab kaum Verhütungsmittel, und wenn doch, waren sie von abenteuerlicher Art. Abtreibungen waren zwar legal, fanden aber unter schlechten hygienischen und medizinischen Bedingungen statt, gar nicht so selten überlebte eine Frau den Abort nicht.
Ich bin fasziniert von diesem Debütroman der Autorin und letztlich unendlich dankbar, nicht in den geschilderten Verhältnissen gelebt haben zu müssen. Alisha Gamisch schreibt so intensiv und spannend, dass ich das Buch kaum zur Seite legen wollte, bis ich am Ende angekommen war.
Das Buch war für den Deutschen Buchpreis 2026 (Longlist) nominiert und ist in der Onleihe zu finden.
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Kristine Harthauer schreibt im SWR: “Alisha Gamisch verknüpft in „Parasiti“ die Perspektiven und Schicksale dreier Frauen-Generationen und nähert sie sich einem gewaltigen historischen Thema – aber auf eine persönliche und einfühlsame Weise, die beeindruckend ist für ein Romandebüt. “
Ralf Julke berichtet in der Leipziger Zeitung: “Es ist fast immer erst die Enkelgeneration, die das Schweigen der traumatisierten Generation bricht. Und gerade weil Alisha Gamisch Lydias Leben in der Armut von Nowosibirsk den größten Platz einräumt, wird deutlich, wie gewaltig sich dieses bitterarme Leben von dem unterscheidet, das die in Deutschland endlich heimisch Gewordenen nun erlebten.”
