
„Nelka“ ist die fiktive Geschichte einer jungen Zwangsarbeiterin aus der Ukraine, die von deutschen Soldaten aufgegriffen und zusammen mit anderen Verschleppten auf einen Gutshof in Norddeutschland gebracht wird, wo sie schwere körperliche Arbeit verrichten muss. Bald interessiert sich der Gutsverwalter Marten für Nelka; ihm fällt auf, dass sie gut deutsch spricht und Kenntnisse über den Anbau von Äpfeln hat. Ihr Vater war Pomologe und hat seiner Tochter sein Wissen vermittelt. Marten nutzt Nelkas Wissen für den Aufbau einer Obstplantage, vergewaltigt sie aber auch.
Die Geschichte beginnt jedoch auf einer zweiten Zeitebene, Jahrzehnte später, als Marten selbst Gutsbesitzer und erfolgreicher Obstbauer ist. Nelka hat ihren Besuch brieflich kurzfristig angekündigt und gleichzeitig die Haushälterin eingeweiht. Sie will sich diesem Mann und ehemaligen Peiniger noch einmal gegenüberstellen und auch den Hof noch einmal sehen.
Jetzt geschieht aus meiner Sicht die ganz große Stärke der Geschichte: Statt einer wortreichen Auseinandersetzung mit Vorwürfen lässt die Autorin Nelka im Esszimmer ihres ehemaligen Peinigers fast schweigend verharren. Allein ihre Persönlichkeit und ihr Blick versetzen Marten in Unruhe. Als er anfängt, nach Begründungen zu suchen, steht Nelka auf und geht.
Diese Begegnung der beiden Figuren wird spannend und wie ein Kammerspiel erzählt. Dazwischen springt die Geschichte immer wieder in die Zeit der Zwangsarbeit auf dem Hof zurück, aber auch zu ihrer jüdischen Herkunft und zur Ermordung ihres Vaters.
Der gesamte Roman ist mit großer Erzählkunst in einer sehr klaren, treffenden Sprache und dennoch „leicht“ geschrieben. Die Autorin, die viel recherchiert hat, leistet einen erheblichen Beitrag dazu, bewusst zu machen, dass der Wohlstand vieler Unternehmen in Deutschland auf ehemaliger Zwangsarbeit beruht. Das Buch hallt lange nach.
„Nelka“ ist sowohl im Bestand der Stadtbibliothek als auch in der Onleihe vorhanden.
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Daniel Kaiser schreibt im NDR Kultur: „Dieser wunderbare, traurige und doch auch leichte Roman stellt die große Frage nach einer letzten Gerechtigkeit. Eine Frage, die lange nachklingt und uns ermutigt, Nelkas Weg nachzuzeichnen, sie auf dem Weg in die Fremde und zurück zu begleiten.“
Angela Gutzeit bemerkt im DLF Kultur: „… eindringlicher ist über dieses Kapitel selten erzählt worden. Mosaikartig wird hier ein Bild verfertigt über Gewalt, Abhängigkeit, Missbrauch und Ausbeutung, die nicht nur Nelka, sondern auch ihre Leidensgenossinnen in diesem Roman ertragen müssen. Manche überlebten das nicht.“
