
Auf seinem Sterbebett in einer abgeschiedenen Abtei lässt Michelangelo „Mimo“ Vitaliani sein bewegtes Leben an sich vorüberziehen: 1904 in Frankreich als Sohn italienischer Migranten in Armut geboren, wird er als Zwölfjähriger zurück nach Italien geschickt, um wie sein verstorbener Vater Steinbildhauer zu werden. Aufgrund einer angeborenen Achondroplasie ist Mimo kleinwüchsig und wird oft schikaniert. Mit seinem ihn gnadenlos ausnutzenden Lehrmeister bezieht er eine Werkstatt in einem kleinen Dorf in Ligurien, das von der adligen Famile Orsini geprägt wird.
Dort lernt er die gleichaltrige Tochter der Orsinis kennen. Viola ist eigenwillig, wissbegierig und passt als Mädchen nicht in die Zeit. Sie entwendet Bücher aus der Bibliothek ihres Vaters, mit denen sich Mimo Wissen aneignen kann. Viola träumt davon, fliegen zu können und über alle Konventionen und Klassenunterschiede hinweg arbeiten beide gemeinsam an einem Plan, um diesen Traum zu realisieren. Viola möchte damit aus ihrem engen gesellschaftlichen Kontext ausbrechen, da für eine Frau ihres Standes nur die Ehe vorgesehen ist. Doch Viola stürzt ab und wird dadurch vorerst für Mimo unerreichbar. Gefördert von Francesco Orsini, einem Bruder Violas, der eine steile Karriere im Vatikan vor sich hat, geht Mimo nach Genua, um sein Talent weiter auszubauen. Doch hier verfällt er dem Alkohol, arbeitet in einem Zirkus, wird ausgeraubt und startet dann doch mit einer unglaublichen Karriere als Steinbildhauer durch, bei der er unweigerlich Begegnungen mit den Faschisten Mussolinis hat, wodurch er eine wichtige Entscheidung treffen muss…
Der Autor wurde für diesen Roman 2023 in Frankreich mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet; das Buch erschien 2025 in Deutschland und wurde in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. Übersetzt hat den Roman Thomas Brovot, dessen Arbeit ebenfalls mehrfach ausgezeichnet wurde, u.a. mit dem Paul-Celan-Preis.
Jean-Baptiste Andrea ist ein meisterhafter Geschichtenerzähler, der den/die Leser/in wie in einem Sog in seinen Roman hineinzieht. Er verbindet die turbulente Lebensgeschichte seiner Protagonisten (auch wenn sie sehr unwahrscheinlich ist) mit den technischen, sozialen und politischen Entwicklungen in Italien und Europa. Mich hat dieser Roman begeistert und ich würde mir wünschen, dass er irgendwann verfilmt wird!
Das Buch ist nicht im Bestand der Stadtbibliothek vorhanden, es ist jedoch über die Onleihe ausleihbar.
___________________________________________________________________________
In der digitalen Zeitung „Der Freitag“ (bitte anklicken) schreibt Angelo Algieri über das Buch: „Was den Roman besonders macht, ist nicht nur seine abenteuerliche Geschichte, die bisweilen an Jack London erinnert, sondern auch Andreas meisterlicher Stil. Ihm gelingt ein feines Gleichgewicht zwischen erzählerischer Leichtigkeit und literarischer Tiefe.”
Wolfgang Schneider rezensiert das Buch im SWR (bitte anklicken): „In der Geschichte vom Aufstieg des genialen Künstlers Vitaliani aus den Schlacken der Herkunft sind viele literarische Muster zu finden – ein bisschen „Parfum“, ein bisschen „Blechtrommel“.“
Im Deutschlandfunk Kultur (bitte anklicken) ist ein Interview mit dem Autor zu hören.
