Die Entstehungsgeschichte ist bekannt: In einem verregneten Sommer 1816 am Genfer See saßen Lord Byron, sein Leibarzt John Polidori, Percy Bysshe Shelley und Mary Godwin (spätere Shelley) zusammen und lasen sich gegenseitig Schauergeschichten vor. Die Gesellschaft beschloss, Geschichten selbst zu schreiben und sie sich gegenseitig vorzutragen. Polidori schrieb „der Vampyr“ und Mary Godwin „Frankenstein“, nach einem Alptraum, den sie in der Nacht zuvor gehabt habe. Später wurde die Kurzgeschichte zum Roman ausgebaut.

In Rückblenden wird die Geschichte von Viktor Frankenstein erzählt, der an der Universität Ingolstadt zunächst studiert und dann als Wissenschaftler arbeitet. Mit Hilfe der modernen Möglichkeiten gelingt es ihm, künstliches Leben zu erschaffen. Aus Leichenteilen und einem nicht näher beschriebenen Verfahren entsteht eine entsetzlich aussehende Kreatur. Über zwei Meter groß, robust gegen Kälte, Hitze und mit wenig Nahrung auskommend. In dem Moment, indem diese zum Leben erwacht, wird Frankenstein klar, was er getan hat, und flieht vor Entsetzen aus seinem Laboratorium. Als er einige Zeit danach wieder zurückkehrt, ist das Wesen verschwunden.
Jahre später wird Viktor Frankensteins jüngerer Bruder Wilhelm ermordet und die Hausdienerin Justine wird für den Mord verurteilt und hingerichtet. Frankenstein meint jedoch, eine riesige unheimliche Gestalt -sein Monster- gesehen zu haben. Die Schuld am Tod Wilhelms und Justines lastet schwer auf ihm. Er sucht seine Schöpfung, findet sie schließlich und die beiden sprechen miteinander. Die namenlose Kreatur erzählt, wie sie die letzten Jahre verbracht hat, zu einem Bewusstsein gekommen ist, die menschliche Sprache und Gepflogenheiten durch Beobachtung erlernt hat, und dass sie aufgrund ihrer Scheußlicheit zu einem Leben in Einsamkeit verdammt ist. Aus Rache an ihrem Schöpfer habe sie den Mord begangen. Sie verlangt von ihm, ein weiteres Geschöpf wie ihn zu erschaffen, ein weibliches Wesen, um die Einsamkeit zu überwinden. Aus Schuldgefühlen und um weiteres Blutvergießen zu verhindern willigt Frankenstein ein und reist in die Einsamkeit nach Schottland, baut ein neues Labor auf und beginnt mit der Arbeit. Kurz vor Vollendung aber überkommen ihn Zweifel und er zerstört sein neues Werk und das Labor. Aus Rache ermordet das Monster seinen Freund Henry Clerval und später seine Frau Elisabeth. Daraufhin macht Frankenstein jagd auf seine Kreatur, aber wird krank und bettlägerig. Auf seinem Sterbebett erzählt er seine Lebensgeschichte, die dem Leser überliefert wird.
„Frankenstein“ wurde in zahlreichen anderen Romanen, Kinofilmen und Fernsehserien aufgegriffen, weitergesponnen und verändert, so dass das Original schon nicht mehr zu erkennen ist. Daher war ich gespannt, wie der Roman im englischen Original wirkt. Im Gegensatz zu dem oft als „dumm und böse“ dargestellten Monster war das Wesen in der Originalgeschichte zunächst neutral, neugierig und aufgeschlossen und ist später sogar in der Lage, mit seinem Schöpfer zu philosophieren. Im Kino wird der Schöpfungsprozess mit allerlei Effekten gezeigt, doch im Buch geht es um die Schuld, die Frankenstein auf sich genommen hat, indem er dieses Leben geschaffen hat. Für „Frankenstein“ kann ich zwar keine direkte Leseempfehlung geben, aber es lohnt sich in jedem Fall, Klassiker zu lesen. Oft ist die Lektüre überraschender als gedacht.
