Susanne Abel – Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104

empfohlen von Monika Klück und Kerstin Nowak

Am Ende des zweiten Weltkriegs wird mitten in Deutschland ein kleiner Junge gefunden, der nichts über sich selbst und seine Herkunft weiß. Sein Alter wird geschätzt, er bekommt den Namen Hartmut und wächst in einem katholischen Kinderheim auf, in dem viel Ordnung und noch mehr Zucht herrscht. Dort lernt er die etwas ältere Kriegswaise Margret kennen, die ihn Hardy nennt und schon im Heim zu beschützen versucht. Die beiden werden zu einer unverzichtbaren Stütze füreinander und beschließen, sich nie wieder loszulassen.

Doch während sie mit aller Kraft versuchen, gemeinsam das Geschehene zu vergessen und ein normales Leben zu führen, werden die Folgen ihrer Vergangenheit auch für die nachfolgenden Generationen bestimmend. Die kleine Emily leidet unter dem hartnäckigen Schweigen ihrer Urgroßeltern Margret und Hardy, bei denen sie wegen des unsteten Lebenswandels ihrer Mutter aufwächst. Als Jugendliche beginnt sie schließlich, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. (Auszug aus dem Text auf der Buchrückseite)

Das Buch ist ein bewegendes Zeitzeugnis, das ein Stück dunkelster Geschichte der deutschen Nachkriegszeit behandelt. Geschätzt etwa 800.000 Kinder waren von 1945 bis in die 1970er Jahre hinein in Heimen untergebracht. Die Gründe für die Heimunterbringung waren unterschiedlich: Viele Kinder waren auf der Flucht “verloren gegangen”, andere kamen aus zerbrochenen Familien, denn viele Väter waren im Krieg umgekommen oder vermisst. Manchmal waren auch die Mütter verstorben, auf sich selbst gestellt, ausgebombt und/ oder schafften es nicht, mehrere Kinder zu versorgen. Sogenannte “uneheliche” Kinder galten als unsittlich und wurden den Müttern oft weggenommen. In vielen Heimen waren die Kinder Erniedrigungen, Gewalt und Missbrauch ausgesetzt, es gibt sogar Hinweise, dass Pharmaunternehmen Medikamente an ihnen testeten.

An alle diese Kinder erinnert die Autorin, die auch aufzeigt, dass die entstandenen Traumata oft noch die nachfolgenden Generationen belasten. Ein sehr berührender Roman, für den Susanne Abel umfangreich recherchiert hat.

Das Buch ist im sowohl im Bestand der Stadtbibliothek als auch in der Onleihe vorhanden.

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Im Internet sind inzwischen viele Berichte über Heimkinder in der Nachkriegszeit zu finden. Exemplarisch wurden nachfolgend drei Beispiele ausgewählt:

Beitrag im NDR (bitte anklicken): Das traurige Schicksal der Kriegswaisen

“Die katastrophalen hygienischen Verhältnisse begünstigen Krankheiten: Viele Kinder bekommen die Krätze, andere erkranken gar an Typhus. Manche Kinder überleben die Zustände nicht.”

Alfred Seeboden kämpft für die Rechte von Heimkindern in der Nachkriegszeit, über ihn berichtet Karin Miether in der Presse der evangelisch-lutherischen Landeskirche (bitte anklicken).

Liane Watzel schreibt über die “Generation Kriegskinder” im MDR (bitte anklicken): “Sie haben den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt und überlebt. Über ihre schrecklichen Erlebnisse zu sprechen, fiel dieser Generation nicht immer leicht, sie stürzte sich in den Wiederaufbau. Rastlosigkeit, gepaart mit wenig Empathie für sich selbst, haben die Kriegskinder an ihren Nachwuchs vererbt – Kriegsenkel wider Willen.”